Üblicherweise besuche ich im Herbst in Berlin das Software Architecture Gathering des iSAQB. Die Konferenz ist für mich immer eine gute Gelegenheit, ein Gefühl für aktuelle Trends, wiederkehrende Themen und prominente Diskussionen in der Softwarearchitektur zu bekommen. Gleichzeitig ist sie mir über die Jahre sehr vertraut geworden – vielleicht ein bisschen zu vertraut: ähnliche Speaker, ähnliche Schwerpunkte, ähnliche Gespräche.
In diesem Jahr habe ich mich deshalb bewusst für einen anderen Impuls entschieden und den WeAreDevelopers World Congress in Berlin besucht – eine der größten Konferenzen für Softwareentwicklung weltweit. Und um es vorwegzunehmen: Es war ein gewisser Kulturschock. Aber der Reihe nach.
Der erste Eindruck – das Flair der Konferenz
Dass der World Congress etwas schriller und lauter werden würde, hatte ich erwartet. Zwei Beobachtungen aus der Anfangsphase beschreiben für mich jedoch ganz gut, was diese Konferenz ausmacht.
Fangen wir mit dem Programm an: Es ist riesig. Auf über 20 Bühnen und mit mehr als 500 Programmpunkten erschlägt einen die Agenda regelrecht. Die Liste der Goodie Bags, die man bereits in der App einsehen konnte, stand der Agenda in ihrer Länge kaum nach – etwas, das mich mehr irritiert als begeistert hat. Wobei: Vermutlich bin ich schlicht nicht die Zielgruppe für Goodie Bags.
Ich gebe zu: Den Ehrgeiz, mich vorab durch 500 Programmpunkte zu lesen, hatte ich nicht. Umso froher war ich, dass ich inzwischen KI-Agenten habe, die meine Interessen gut genug kennen, um mir in rund 20 Minuten einen sinnvollen Überblick über die für mich spannendsten Slots zu erstellen. Ohne diese Vorfilterung wäre es schwer gewesen, „kurz” aus der schieren Masse der Angebote eine halbwegs sinnvolle persönliche Agenda abzuleiten.
Dabei ist das Programm durchaus hochkarätig besetzt: Werner Vogels, CTO von Amazon, Michael Kagan, CTO von NVIDIA, oder David Soria Parra, einer der Köpfe hinter dem Model Context Protocol bei Anthropic, sind nur einige Beispiele. Gleichzeitig sind viele Impulse sehr kurz und snackable. Ein großer Teil der Vorträge dauert maximal 30 Minuten.
Insgesamt lässt sich mein erster Eindruck vielleicht am besten mit einer einfachen Analogie beschreiben: Das Software Architecture Gathering und viele andere Konferenzen, die ich besuche, bewegen sich irgendwo zwischen LinkedIn und Kurstreffen an der Uni. Beim World Congress hingegen ist man eher zwischen Instagram und TikTok unterwegs.
Dieser Eindruck wurde bereits am nullten Tag, dem Workshop-Tag, mehr als bestätigt. Ich hatte mich um 11 Uhr für einen Workshop angemeldet und war – wie ich dachte – mit meiner Ankunft um 10:40 Uhr an der Messe pünktlich. Auch wenn es nur der Workshop-Tag war, war es bereits wuselig und voll. Englisch war klar die dominierende Sprache. Rechts stand schon die erste Schlange, um auf von Microsoft gesponserten Sonnenliegen Bier zu genießen – soweit ich gesehen habe, zu dieser Uhrzeit nicht zwingend alkoholfrei.
Es war definitiv cool, international und hip. Und ich? Stand über 30 Minuten in der Schlange, kam zu spät zu meinem Workshop, der trotz reserviertem Slot bereits voll besetzt war, und ging unverrichteter Dinge wieder an den Laptop. In diesem Moment hätte ich mir durchaus ein wenig mehr LinkedIn-Vibes gewünscht.
Aber gut – es war ja auch nur Tag 0.
Der zweite Eindruck – möge die Konferenz beginnen
Machen wir es kurz: Der grundlegende Eindruck hat sich an den folgenden Tagen nicht wesentlich geändert. Der World Congress wird seinem Ruf, eher ein Festival für Developer als eine klassische Fachkonferenz zu sein, durchaus gerecht. Wobei ich meinen Vergleich mit Instagram und TikTok immer noch passender finde – aber das ist vermutlich Geschmackssache.
Aber gut: Dann schnappt man sich eben seine Fritz-Kola für 4,20 Euro – auch hier Festivalpreise – und begibt sich zu den morgendlichen Klängen eines DJs auf die Expo.
Vom oft beschworenen Konferenzsterben ist hier jedenfalls wenig zu spüren. Mit über 15.000 Besucherinnen und Besuchern ist der World Congress riesig und weiterhin ein Who’s who der Techszene. Entsprechend sind nahezu alle großen Technologiefirmen mit eigenen Ständen vertreten. Dazwischen finden sich auch einige auf den ersten Blick weniger glamouröse, aber durchaus relevante Unternehmen wie Ergo, Generali oder die Deutsche Bank.
Inhaltlich sind viele Panels und Talks eher oberflächlich, was allerdings zum großen Teil dem Format und den kurzen Slots geschuldet ist. Ein anfänglicher Fehler von mir war beispielsweise, mit hohen Erwartungen in ein prominent besetztes Panel – unter anderem mit Avani Prabhakar, Chief People and AI Enablement Officer bei Atlassian – zum Thema „The New Org Chart: When AI Joins the Workforce” zu gehen.
Die Kernbotschaften waren: Manager und Development Leads werden weiterhin benötigt, Empathie wird wichtiger und Organisationen müssen auch in Zeiten von KI weiter in Tech-Talent auf Junior-Level investieren. Das sind alles richtige Aussagen – aber eben auch so zielgruppengerecht und anschlussfähig für ein Tech-Festival, dass man sie beinahe schon wieder vergessen hat, während man sie hört.
Man merkt: Ich musste mich zunächst mit dem Konzept anfreunden.
Nach den ersten Vorträgen, den ersten überfüllten Räumen, den ersten verpassten Slots und der überwundenen Fear of Missing Out wurde es für mich aber deutlich entspannter. Ich musste akzeptieren, dass der World Congress nicht primär eine Konferenz ist, auf der man sich tief in einzelne Themen eingräbt. Spannender als viele einzelne Vorträge war für mich eher die Frage, wie sich die großen Technologiefirmen positionieren und welche Schwerpunkte sie setzen.
Und hier war das Bild eindeutig: KI steht ganz oben. Genauer gesagt: Agentic AI.
Kaum ein Stand, an dem nicht die Vorzüge agentischer Lösungen, die KI-Readiness bestehender Tools oder neue Formen der Automatisierung im Mittelpunkt standen. Man konnte sehr gut beobachten, wie sich die Erzählung weiter verschiebt: von generativer KI als Chatbot oder Assistenzsystem hin zu KI als aktiv handelndem Teil technischer und organisatorischer Prozesse.
Was fachlich hängen geblieben ist
Von den Vorträgen ist es gar nicht so leicht, einzelne besonders hervorzuheben. Das liegt auch daran, dass viele Sessions eher Impulse als echte Vertiefungen waren. Einige Perspektiven fand ich dennoch spannend.
Ein Beispiel war die Vorstellung des Sparkassen-AIPilot. Der Ansatz wurde als souveräne KI-Lösung beschrieben, die bereits für die rund 200.000 Mitarbeitenden der Sparkassen-Finanzgruppe ausgerollt wurde. Interessant war daran weniger der einzelne Use Case als vielmehr die strategische Stoßrichtung: KI nicht nur als Tool einzuführen, sondern sie in einer kontrollierten, souveränen Infrastruktur breit verfügbar zu machen.
Ebenfalls spannend war für mich das Thema OpenClaw beziehungsweise die daraus abgeleitete Gattung sogenannter „claw-like AI agents”. Dazu gehören beispielsweise Ansätze wie NemoClaw von NVIDIA. Gemeint sind KI-Agenten, die nicht nur punktuell einzelne Aufgaben ausführen, sondern dauerhaft verfügbar sind und mit Zugriff auf Dateien, Credentials und externe Services ausgestattet werden können. Wer tiefer einsteigen möchte: Das Paper „Understanding and Evaluating Claw-like Agent Security Through a Computer-Systems Lens” analysiert genau diese Gattung systematisch aus einer Computer-Systems-Perspektive.
Für Unternehmen ist das deshalb besonders relevant, weil sich die Sicherheitsfrage dadurch verschiebt. Es geht nicht mehr nur darum, ob ein Modell eine Aufgabe korrekt lösen kann. Es geht darum, wie man dauerhaft berechtigte, handlungsfähige KI-Systeme absichert, überwacht und sinnvoll in bestehende Prozesse integriert.
Da viele technische Vorträge eher an der Oberfläche blieben – was auch an meiner Auswahl gelegen haben kann, denn das Programm war wie erwähnt enorm breit – fand ich insbesondere die politischen und strategischen Panels interessant.
In mehreren Diskussionen ging es um die Rolle von KI in Staat, Verwaltung und Wirtschaft. Ein besonders spannender Punkt war dabei die Verbindung von KI, Verwaltungsmodernisierung und Personalabbau. Thomas Jarzombek, Parlamentarischer Staatssekretär im Digitalministerium (BMDS), äußerte sehr klar, dass das politische Ziel, den Personalbestand in der Bundesverwaltung bis 2029 um acht Prozent zu reduzieren, durch KI-basierte Effizienzgewinne ermöglicht werden soll. Das Ziel selbst ist dabei keine Einzelposition des Digitalministeriums, sondern so im Koalitionsvertrag verankert – neu war für mich eher, wie selbstverständlich KI hier bereits als zentraler Hebel eingeplant wird.
Ich gebe allerdings zu: In mir regte sich kurz der blasphemische Gedanke, dass man vielleicht zunächst Prozesse sauber automatisieren und digitalisieren könnte, bevor man die große, startup-gestützte KI-Revolution ausruft. Gleichzeitig passte die Aussage natürlich sehr gut zu Ort, Zeit und Zuhörerschaft.
Daneben wurde in den Diskussionen immer wieder die Frage digitaler Souveränität betont. Europa, so die wiederkehrende These, habe insbesondere im Bereich industrieller KI eine starke Ausgangsposition: „Wir haben die Daten. Wir haben das Fachwissen. Wir haben die industriellen Anwendungsfälle.”
Gleichzeitig wurde sehr deutlich, dass Souveränität nicht nur eine Frage von Modellen ist. Energie, Chips, Infrastruktur, Modelle und Anwendungen wurden als zusammenhängende Ebenen einer KI-Wertschöpfungskette beschrieben. Besonders auffällig fand ich, wie häufig die Energiefrage thematisiert wurde. Fehlende oder teure Energieinfrastruktur galt in mehreren Panels als zentrale Herausforderung für den weiteren Ausbau leistungsfähiger KI-Systeme in Europa.
Bei den eigentlichen KI-Modellen selbst war die Tonlage differenzierter. Einerseits dominieren weiterhin die großen Frontier-Modelle. Andererseits wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass sich deren Leistungsfähigkeit zunehmend angleicht und Open-Source-Modelle in vielen Bereichen aufholen. Hotelling’s Law lässt grüßen: Wenn alle Anbieter ähnliche Optimierungsziele verfolgen, bewegen sie sich langfristig immer stärker aufeinander zu.
Was bleibt?
Nach diesem wilden Ritt durch meine Eindrücke vom WeAreDevelopers World Congress bleibt bei mir ein gemischtes, aber insgesamt positives Bild.
Ich bin offenbar ein eher kritischer Konferenzbesucher (siehe meine Berichte zum Software Architecture Gathering) und brauche definitiv kein Lego, keine Goodie Bags und keinen DJ. Gleichzeitig habe ich mich nach dem anfänglichen Kulturschock durchaus mit dem Format angefreundet.
Als klassische Fachkonferenz funktioniert der World Congress jedoch nur eingeschränkt. Viele Talks sind kurz, viele Panels bleiben an der Oberfläche und manches ist stärker auf (Werbe-)Wirkung als auf Tiefe optimiert. Als großes Community-Event, als Stimmungsbarometer der Techszene und als Ort, an dem man sehr gut beobachten kann, wie sich große Technologieanbieter positionieren, funktioniert die Veranstaltung dagegen ausgesprochen gut.
Und vielleicht ist genau das der eigentliche Wert: Man fährt nicht unbedingt mit fertigen Antworten nach Hause, aber mit einem ziemlich guten Gefühl dafür, wie die Branche aktuell gerne wahrgenommen werden will. In diesem Jahr war das wenig überraschend wieder KI – genauer gesagt Agentic AI, digitale Souveränität und die Frage, welche Infrastruktur wir eigentlich brauchen, wenn KI nicht nur Demo, sondern Alltag werden soll.
Dass diese Themen aktuell überall sind, ist nicht die Schuld der Veranstaltung. Der World Congress zeigt nur sehr deutlich, wie laut sie inzwischen geworden sind.
Geschäftsbereichsleitung «Finanzdienstleistungen»
Daniel ist seit 2017 in der IT-Branche aktiv und bringt seine umfassende Erfahrung als Senior Managing Consultant und Geschäftsbereichsleiter bei atra consulting ein. Besonders begeistert ihn das Zusammenspiel technischer, methodischer und organisatorischer Aspekte. Seine Kunden unterstützt er als Softwarearchitekt, agiler Coach und Berater bei der nachhaltigen und zielgerichteten Umsetzung von Entwicklungsprojekten.