Meine erste Workation: zwei Wochen auf Sanday
Sieben Uhr morgens, in Deutschland ist es schon acht. Der Laptop fährt hoch, der Kaffee dampft, und vor dem Fenster schiebt ein Schaf gemächlich seine Nase durchs Gras. Mein Arbeitsplatz für zwei Wochen: ein Tisch mit Blick auf Wiesen, alte Steinmauern, Hühner, das Meer und sehr viel Himmel. Willkommen auf Sanday, einer der nördlichen Orkney-Inseln.
Rund 500 Menschen leben hier, und sie haben Humor. Ihr Inselprospekt wirbt allen Ernstes mit dem Slogan „There’s nothing to do in Sanday“: Auf Sanday gibt es nichts zu tun. Ein paar Seiten weiter erfährt man, dass die Insel nur noch auf eines wartet: das Farbfernsehen. Hahahaha. Ob es hier wirklich nichts zu tun gibt, sollte ich bald herausfinden.
Bevor ich weitererzähle, muss ich etwas gestehen: Ich bin ein Gecko. Jedenfalls, was die Temperatur angeht. So richtig in Fahrt komme ich erst ab etwa 28 Grad. Die Orkneys dagegen liegen im Norden Schottlands, und derselbe Prospekt rät, auf alles vorbereitet zu sein, weil man hier oft alle vier Jahreszeiten an einem Tag erlebt. Kein naheliegendes Reiseziel für einen Gecko. Aber ich bin neugierig. Ich reise gern an unbekannte Orte, probiere unbekanntes Essen und tue Dinge, die ich noch nie getan habe. Daran haben auch 65 Lebensjahre nichts geändert, im Gegenteil. Und für alles Weitere habe ich eine warme Jacke.
Aus Urlaub wird Workation
Von den Orkneys wusste ich vorher kaum etwas. Sicher war nur: Dort lebt meine Freundin, die ich lange nicht gesehen hatte und unbedingt besuchen wollte. Geplant war ein ganz normaler Urlaub. Dann stellte sich heraus, dass mein Kollege genau in dieser Zeit Resturlaub abbauen musste, und zwar gleich sechs Wochen. Zwei Wochen lang wäre keiner von uns erreichbar gewesen, und danach hätte ich mich allein durch einen Berg liegengebliebener Arbeit kämpfen müssen. Das wollte ich mir nicht zumuten. Also habe ich die Arbeit einfach eingepackt. Zum ersten Mal in meinem Berufsleben. Bei der atra geht das.
Gearbeitet habe ich von 7 bis 13 Uhr, kürzer als sonst, dafür mit voller Konzentration. Der Arbeitsalltag war erstaunlich normal: Jede Menge Mails wollten gelesen, abgearbeitet und beantwortet werden, Teams-Calls fanden statt wie immer, das Internet war hervorragend. Nur die Aussicht war eine andere: Statt Kolleginnen und Kollegen liefen draußen Hühner und ein Hahn vorbei. Dass ich so weit weg im Norden saß, merkte trotzdem niemand. Es sei denn, ich gönnte meinem Gesprächspartner per Webcam einen kleinen Blick aus meinem Fenster. Seitdem kennen bei der atra und bei meinen Kunden einige die Hühner von Sanday.
Und dieser Blick lohnte sich, vor allem nach oben. Einen solchen Himmel habe ich nirgendwo sonst gesehen. Die Wolken türmten sich, zogen weiter, formten sich ständig neu, und das Licht veränderte sich mit ihnen. Oft ertappte ich mich dabei, wie ich vom Bildschirm aufsah und einfach nur schaute.
Manchmal regnete es auf der einen Seite des Hauses, während auf der anderen noch die Sonne schien. Die vier Jahreszeiten aus dem Prospekt waren keine Übertreibung. Und nicht selten hing danach ein Regenbogen über dem Land, als hätte jemand die Kulisse besonders ernst genommen.
Feierabend am Rand der Welt
Was gibt es nun zu tun auf Sanday? Eine ganze Menge, wie sich schnell herausstellte. Meine Freundin hatte sich für jeden Tag etwas Neues für mich überlegt, und fast immer gehörte ein Strand dazu, jeden Tag ein anderer. Mal ragte an seinem Ende ein längs gestreifter Leuchtturm auf, mal säumten Felsen und Höhlen das Ufer, mal Dünen, mal Gras und Weiden. Unterwegs waren wir mal mit den Hunden, mal ohne, mal mit dem Auto und mal mit dem Fahrrad. Und immer gab es etwas zu entdecken: Robben, die in den Wellen schaukelten, Kaninchen, die durchs Gras hüpften, Kühe, die uns ausgiebig musterten, und Schafe, die aussahen wie frisch gewaschen. Ganz oft begleitete uns auch hier ein Regenbogen.
Einer dieser Ausflüge führte uns sogar 5000 Jahre zurück in die Vergangenheit, nach Quoyness. Dort liegt ein jungsteinzeitliches Kammergrab, älter als die Pyramiden. Hinein gelangt man nur auf allen vieren: Mit Stirnlampe auf dem Kopf kroch ich durch einen neun Meter langen, niedrigen Gang, für einen Gecko schließlich die artgerechte Fortbewegung. Am Ende öffnete sich plötzlich eine über vier Meter hohe Kammer mit sechs kleinen Nebenkammern, und im Lichtkegel meiner Lampe wurde ich ganz still.
Wie die Menschen später auf Sanday gelebt haben und heute leben, zeigte mir meine Freundin im Inselmuseum, in einem alten Croft, einem traditionellen Kleinbauernhof, den man besichtigen kann, und in einem kleinen Café in Kettletoft, in dem auch Handwerksarbeiten von der Insel verkauft werden.
Zu einer Mutprobe für den Gecko wurde das Meer. Mehrmals pro Woche trifft sich auf Sanday eine Gruppe einheimischer Damen zum Schwimmen, bei acht Grad Wassertemperatur. Eigentlich ein klarer Fall von „lieber nicht“, aber wer Neues ausprobieren will, kann sich nicht nur die angenehmen Dinge aussuchen. Also bin ich mitgeschwommen. Es war kalt. Es war richtig kalt. Es war so kalt, dass ich nichts mehr um mich herum gespürt habe. Aber hinterher habe ich mich so lebendig gefühlt wie lange nicht.
Der absolute Höhepunkt aber war der Abend, an dem der Himmel zu leuchten begann. Eingepackt in meine warme Jacke stand ich draußen und sah den Nordlichtern zu, überwältigt und ohne Worte. So etwas hatte ich noch nie gesehen.
Was sich verändert hat, und was nicht
An meiner Arbeit selbst hat sich auf Sanday nichts geändert. Und trotzdem war ich dort entspannter und zufriedener als zu Hause. Das lag nicht nur an den kürzeren Tagen, sondern vor allem an dem, was danach kam: Meeresrauschen statt Straßenlärm, Robben statt Routine.
Sie mitzunehmen, war eine meiner besseren Ideen. Sie hat mir die Zeit auf der Insel kein bisschen verdorben und das Zurückkommen um ein Vielfaches leichter gemacht: kein Berg aus zwei Wochen liegengebliebener Mails, sondern ein ganz normaler erster Arbeitstag.
Bleibt die Frage vom Anfang: Was macht ein Gecko auf den Orkneys? Er arbeitet, staunt und friert erstaunlich wenig. Vielleicht, weil Wärme nicht nur eine Frage der Temperatur ist. Manchmal steckt sie in einem Himmel, der jeden Tag anders aussieht, in einer alten Freundschaft und in dem Gefühl, mit 65 noch etwas zum ersten Mal zu erleben.
Bereut habe ich keine Minute. Nur eines frage ich mich inzwischen: Liegt meine Betriebstemperatur wirklich bei 28 Grad?
Senior Consultant Software Engineering
Heike hat in rund 30 Jahren auf dem IBM-Großrechner fast jede Rolle eingenommen: Entwicklerin, Konzepterin, Teamleiterin, Testmanagerin, Service Managerin. Zuletzt hat sie die Betreuung einer Planungsanwendung aus der Automobilindustrie an ein neu aufgebautes Team in Spanien übergeben. Heute sorgt sie bei einem Versicherer für den stabilen Betrieb zentraler Systeme.